Basics über Lawinen – winter is not over!

Die Zusammenhänge, die für die Entstehung von Lawinen verantwortlich sind, sind zu komplex, als dass wir hier mit einem einzigen Post diese am Ende der Wintersaison gründlich ge­nug zu beschreiben.

Vielmehr wollen wir euch jetzt, wo es in den Alpen jetzt noch einmal richig fett geschneit hat, euch auch kurz vor der Sommerpause euch für diese Thematik sensibilisieren . Das genaue Verständnis über Lawinen und ihre Ge­fahren können euch ausschließlich Camps und ent­spre­chende Literatur vermitteln. Im kommenden Winter haben wir zudem eine ausführliche Lawinen-Story geplant, die sich über mehrere Wochen hinwegzieht und euch alle Aspekte dieser alpinen Gefahr näher bringen soll. Her also nur ein kurzer Reminder, um auch noch die letzten Tage nicht das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

Grundwissen über Lawinen

Unter den vielen unterschiedlichen Arten von Lawinen ist die Variante des Schneebretts für Freerider die ge­fähr­lichste. Kennzeichen einer Schneebrettlawine ist der li­ni­enförmige Anriss. Die abbrechenden Schneemassen glei­t­en daraufhin blitzschnell als Schollen wie auf einer blank polierten Fläche ins Tal. Während andere Lawinen­ar­­ten oft unterhalb oder in einer Störungsstelle, zum Bei­spiel der Spur eines Skifahrers, entstehen, bricht eine Schnee­brett­la­wine meist oberhalb der Spur ab und erfasst den Skifahrer. Und wer sich erst einmal in den Fängen ei­ner Lawi­ne befindet, hat selten die Chance, aus ihr wie­der herauszufahren.

das tückische: Schneebretter lösen sich nicht zwangsläufig beim ersten, der in einen Hang einfährt
das tückische: Schneebretter lösen sich nicht zwangsläufig beim ersten, der in einen Hang einfährt

Entstehung von Lawinen

Was beeinflusst jetzt aber eine Lawine? Im Grunde ge­nom­men ist es das Zusammenspiel von Wetter, Gelände und der Schneedecke. Unser Verhalten im Gelände muss na­tür­lich ebenfalls hinzugezählt werden, dazu aber mehr auf den nächsten Seiten. Die zentrale Bedeutung bei die­sen Faktoren kommt natürlich der Schneedecke zu, die sich durch ihren Wassergehalt, ihre Festigkeit und ihren Schicht­­aufbau charakterisieren lässt. Klar, ohne Schnee­fäl­le würde es keine Lawinen geben. Doch massive Nieder­schläge sind meist eher die Ursache von Katastrophen­la­wi­­nen. Viel gefährlicher ist der Wind, der oft als „Bau­meis­ter der Lawinen“ beschrieben wird. Nach Stürmen können meterhohe Schneeverfrachtungen in Hängen und Rinnen ent­­stehen, die schon bei geringer Störung abgehen. Lee­hän­­ge besitzen also immer eine höhere Lawinengefahr. Ei­ne wichtige Rolle spielt auch die Hangneigung. Normaler­wei­­se wird die Spannweite der zur Lawinenbildung geeig­ne­­­ten Neigungen mit 20 bis 60 Grad angegeben, beson­ders häu­fig ist die Klasse 30 bis 50 Grad betroffen. Vege­ta­­ti­ons­­­be­de­ckung kann sowohl Lawinen begünstigen als auch ver­hin­­dern. Der Wald gilt fälschlicherweise als stabi­lisie­ren­­der Faktor, was jedoch kaum für lockere subalpine Be­stän­de gilt. Schließlich tragen auch noch Temperatur­ver­­hält­nis­se, Höhenlage und Exposition zur Entstehung von La­winen bei, die aber untereinander und von anderen Fak­­toren auch noch beeinflusst werden. Deswegen wollen wir es auch hierbei belassen.

Wissen ist Macht

Für uns Freerider bedeutet das, dass nur derjenige an den besten Spots gefahrlos fahren kann, der sich mit der Problematik von Lawinen intensiv ausei­nan­der gesetzt hat. Für Einsteiger führt also an entspre­chen­den Camps kein Weg vorbei – und schon gar nicht, wenn diese wie von ortovox (www.ortovox.com) oder saac (www.saac.at), kostenlos an­ge­­bo­ten werden. Die vermittelten Basics sind danach aber auf kei­nen Fall ein Freifahrtschein. Vielmehr heißt es nun, die erlernten Kenntnisse zu vertiefen und immer wieder zu trainieren.

Vorbereitungen im Tal

Anders als die meisten von euch vielleicht denken wür­den, fängt die Vor­bereitung für euer Freeride-Erlebnis be­reits zu Hause mit einem Blick auf den Wetterbericht an. Denn bei Sturm, mas­siven Nie­derschlägen oder schlech­ter Sicht ist das Gelände abseits der Pisten für uns tabu. Basta! Wetter­sei­ten gibt es vie­le, ich würde euch die vom Alpenverein emp­­feh­len, da sie spe­ziell auf uns Bergsportler zugeschnit­ten ist (www.al­pen­verein.at). Schritt zwei­ führt euch auf www.avalanches.org,  dort findet ihr den tagesaktuellen La­wi­nen­­lagebericht inklusive der europäi­schen Lawinen­gefahrenskala mit fünf Gefahrenstufen. Lei­­­der fünf – im Grun­de dürfte sie nur drei haben, denn bei den Stufen 4 und 5 hat niemand etwas abseits der prä­pa­rierten Pisten verloren. Ihr spielt mit eurem Leben, wenn ihr euch über dieses ungeschriebene Gesetz hinwegsetzen wollt. Neben der unmissverständlichen Kenngröße dieser Warnstufe wird die aktuelle Lawinensituation in den jewei­ligen Gebie­ten beschrieben. Die Interpretation dieser Texte und Skalen verlangt viel Übung, bis sie bei euch in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Der Lawinenlagebericht beinhaltet neben der Gehfahrenkarte auch einen Text - diesen zu interpetieren bedarf es Übung
Der Lawinenlagebericht beinhaltet neben der Gehfahrenkarte auch einen Text – diesen zu interpetieren bedarf es Übung

Schließlich solltet ihr die Zeit vor eurem Tag im Powder nut­zen, eure Ausrüstung zu kontrollieren. Dass LVS, Rucksack, Schaufel, Sonde und Helm lebensnotwendig sind, brauchen wir hoffentlich nicht mehr zu erwähnen. Ein Blick auf die Batterieanzeige eures LVS-Gerät lohnt sich, denn ohne Saft nutzt einem selbst das neueste Modell nichts. In den letz­ten Jah­ren haben sich ganz klar die digitalen Mehr-An­ten­nen-Systeme durchgesetzt. Diese erlauben auch dem etwas ungeübteren Rider die Ortung eines Verschütteten im Ernst­fall. Fast schon so etabliert wie Pieps, Schaufel und Sonde sind inzwischen auch die Lawinenrucksäcke. Dass die Packs mit ihrem Lawinen-Airbag Leben retten können, steht außer Frage, jedoch soll­te man sich mit den Airbags keinesfalls als unsterblich anse­hen! Zum Schluss wollen wir noch ein Wort zu den Schau­feln verlieren: Klar sind die Modelle aus Plastik leichter, dennoch nehmen es nur Schaufeln aus Alu oder verstärk­tem Karbon mit dem komprimierten Schnee in Lawinen­ke­geln auf. Also spart nicht an der falschen Stelle – das gilt für die komplette Lawinenausrüstung!

Verhalten am Berg

Die Entscheidung, ob ihr am Berg in einen Hang ein­fahrt oder nicht, nimmt euch letztlich niemand ab, es sei denn, ihr seid mit einem Bergführer unterwegs. Nur wer sein Wis­sen auf die lokalen Bedingungen übertragen kann, hat eine Chance, die Lawinensituation optimal einzuschät­zen.

Wie wir bereits erwähnt haben, tragen Hangneigung, Höhen­lage und Exposition entscheidend zur Entstehung von La­wi­nen bei. Diese drei Faktoren lassen sich im Gegen­satz zu den vielen anderen Einflüssen messen. Für alle, die stol­ze Besitzer eines iPhone sind, hat Mammut mit der „Safe­ty App“ die passende Anwendung entwickelt, die eben diese Wer­te bestimmen kann und euch zudem noch einen Link zum aktuellen Lawinenlagebericht vorinstalliert hat. Unter  www.mammut.ch/safetyapp könnt ihr die Software kos­ten­l­os downloaden. Es gibt aber natürlich auch viele andere Geräte, die euch dabei helfen. Habt ihr die notwendigen Da­ten gesammelt, wird es schwieriger. Ihr müsst nun die un­terschiedlichen Zeichen deuten, die Wind und Tempe­ra­tur­­verlauf im Hang vor euch hinterlassen haben. Und dem nicht genug, müsst ihr all diese Daten noch zum Lawi­nen­­­lage­bericht in Relation setzen. Hierfür gibt es unterschied­liche Strategien, die euch bei dieser schwierigen Aufgabe helfen. Diese nutzen euch aber nur, wenn ihr sie immer wie­der übt. Nur dann können sie euch vor Gefahren schützen. Deutlich einfacher ist da die Alternative der DAV Snow­card (www.av-snowcard.de). Diese unter­stüt­zt euch bei der Klärung der Frage, ob ihr gefahrlos den vor euch lie­gen­den Hang befahren könnt oder nicht, wo­bei die Handhabung extrem easy ist. Dennoch kann sie niemals als Alternative zur intensiven Beschäftigung mit der Lawinenthematik he­ran­gezogen werden.

Je nachdem wie man die Karte hält, zeigt sie GO oder No-GO an
Je nachdem wie man die Karte hält, zeigt sie GO oder No-GO an

Bleibt noch euer Verhalten beim Riden. Und das ist so­gar eine der größten Ursachen, wenn nicht sogar die größte über­haupt. Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang das Wort „Gruppendynamik“ auf. Natürlich ist es schwer, „nein“ zu dir selber und zu deinen Kumpels zu sagen, wenn der Hang vor euch so fett aussieht! Sogar sehr schwer, ich weiß. Aber sind die Voraussetzungen nicht gegeben, ver­traut auf euren Verstand! Habt ihr euch auf einen Hang ge­ei­nigt, gibt es ei­ni­ges zu beachten. Wählt eure Line gemäß dem Level, auf dem ihr euch momentan befindet, und fahrt nicht wild drauf­los. Es wird grundsätzlich nur einzeln ge­fah­ren, so dass im Falle ei­nes Abgangs nicht die ganze Gruppe ver­schüt­­tet wird. Macht strategisch sichere Treffpunkte aus. Be­stimmt eine Per­son, die als Letztes fährt und somit hel­­fen kann, falls es einen von euch schmeißt. Wie ihr euch ver­­hal­tet, wenn es trotz aller Vorsicht dennoch zum Lawi­nen­abgang kommt, zeige ich euch auf der nächsten Seite.

Der Ernstfall

Okay, du hast alle Punkte des Risikoma­nage­ments ge­wissenhaft befolgt, dennoch erschüttert dich ein ge­wal­ti­ges Grollen und schon treibst du auf einem riesigen Schnee­brett dahin.

Gehen wir von der Regel aus, dass du es nicht schaffst, seit­­lich aus der Lawine zu fahren, du bist mehr oder we­ni­ger deinem Schicksal ausgeliefert. Du kannst lediglich ver­suchen, noch deinen Airbag zu zünden, dich von deinen Stö­cken zu be­­frei­en und durch Schwimmbewegungen an der Oberflä­che zu bleiben. Der Rest ist mehr oder weniger Glück­sache bzw. das Ergebnis der schnellen Ortung deiner Freun­de. Denn ist das Schneebrett erst einmal zum Still­stand ge­kom­men, kannst du nicht mal mehr deinen klei­nen Finger bewegen. Wenn irgend möglich solltest du dir kurz vor Still­stand der Lawine mit deinen Armen und Hän­den eine Atem­höhle her­stellen. Das Zauberwort heißt näm­lich „Luft“! Jetzt hilft nur noch, Ruhe zu bewahren und darauf zu hoffen, dass deine Crew einen guten und vor al­lem schnellen Job macht. Laut Statistik überleben nämlich 90 Prozent aller Verschütteten die ersten 15 Minuten. Die Zeit, bis die Bergrettung mit ihren Hunden kommt, hast du wahrscheinlich nicht.

Gehen wir lieber davon aus, du hattest Glück und die La­wi­ne ist unter dir abgegangen. Jetzt kannst du die Gescheh­nis­­se selbst beeinflussen. Wie gesagt, ihr habt 15 Minuten. Das ist euer Zeitfenster, das ihr optimal nutzen müsst. Also Ruhe bewahren! Okay, durchzählen! Es fehlt genau einer aus eurer Gruppe. Wo habt ihr ihn das letzte Mal gesehen? Sprecht miteinander, nur so könnt ihr ungefähr den Lage­punkt des Opfers und den primären Suchbereich eingren­zen. Vielleicht schaut ja doch noch eine Hand oder ein Stock aus dem Schnee? Wenn nicht, müsst ihr die Suche or­ga­nisieren. Der Erfahrenste von euch sollte jetzt die Grup­­pe einteilen. Zuerst alle ihre LVS-Geräte auf Su­chen stel­­len, um bei der Ortung nicht durch unnötige Sende­­sig­nale die Suche zu behindern, und Handys aus. Vorher noch die Berg­wacht informieren. Der Rest holt Schaufel, Sonde und Erste-Hilfe-Kit aus dem Rucksack. Wie die so genannte Grob-, Feinsuche und Punktortung funktionieren, lernt ihr bei den Lawinencamps. Die Bergführer werden euch ein­trich­tern, dass ihr immer wieder mit dem LVS trainieren müsst, bis die Ortung für euch automatisiert abläuft. Nur so könnt ihr im Ernstfall die Ruhe bewahren und seid in der Lage, euren verschütteten Freund zu finden.

Und jetzt hoffen wir, dass keiner von euch jemals in eine La­wi­ne gerät oder einen seiner Freunde suchen muss! Und besucht nächsten Winter ein Lawinen Camp, wie zum Beispiel die der Ortovox Safety Academy.