Die Zusammenhänge, die für die Entstehung von Lawinen verantwortlich sind, sind zu komplex, als dass wir hier mit einem einzigen Post diese am Ende der Wintersaison gründlich genug zu beschreiben.
Vielmehr wollen wir euch jetzt, wo es in den Alpen jetzt noch einmal richig fett geschneit hat, euch auch kurz vor der Sommerpause euch für diese Thematik sensibilisieren . Das genaue Verständnis über Lawinen und ihre Gefahren können euch ausschließlich Camps und entsprechende Literatur vermitteln. Im kommenden Winter haben wir zudem eine ausführliche Lawinen-Story geplant, die sich über mehrere Wochen hinwegzieht und euch alle Aspekte dieser alpinen Gefahr näher bringen soll. Her also nur ein kurzer Reminder, um auch noch die letzten Tage nicht das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.
Grundwissen über Lawinen
Unter den vielen unterschiedlichen Arten von Lawinen ist die Variante des Schneebretts für Freerider die gefährlichste. Kennzeichen einer Schneebrettlawine ist der linienförmige Anriss. Die abbrechenden Schneemassen gleiten daraufhin blitzschnell als Schollen wie auf einer blank polierten Fläche ins Tal. Während andere Lawinenarten oft unterhalb oder in einer Störungsstelle, zum Beispiel der Spur eines Skifahrers, entstehen, bricht eine Schneebrettlawine meist oberhalb der Spur ab und erfasst den Skifahrer. Und wer sich erst einmal in den Fängen einer Lawine befindet, hat selten die Chance, aus ihr wieder herauszufahren.

Entstehung von Lawinen
Was beeinflusst jetzt aber eine Lawine? Im Grunde genommen ist es das Zusammenspiel von Wetter, Gelände und der Schneedecke. Unser Verhalten im Gelände muss natürlich ebenfalls hinzugezählt werden, dazu aber mehr auf den nächsten Seiten. Die zentrale Bedeutung bei diesen Faktoren kommt natürlich der Schneedecke zu, die sich durch ihren Wassergehalt, ihre Festigkeit und ihren Schichtaufbau charakterisieren lässt. Klar, ohne Schneefälle würde es keine Lawinen geben. Doch massive Niederschläge sind meist eher die Ursache von Katastrophenlawinen. Viel gefährlicher ist der Wind, der oft als „Baumeister der Lawinen“ beschrieben wird. Nach Stürmen können meterhohe Schneeverfrachtungen in Hängen und Rinnen entstehen, die schon bei geringer Störung abgehen. Leehänge besitzen also immer eine höhere Lawinengefahr. Eine wichtige Rolle spielt auch die Hangneigung. Normalerweise wird die Spannweite der zur Lawinenbildung geeigneten Neigungen mit 20 bis 60 Grad angegeben, besonders häufig ist die Klasse 30 bis 50 Grad betroffen. Vegetationsbedeckung kann sowohl Lawinen begünstigen als auch verhindern. Der Wald gilt fälschlicherweise als stabilisierender Faktor, was jedoch kaum für lockere subalpine Bestände gilt. Schließlich tragen auch noch Temperaturverhältnisse, Höhenlage und Exposition zur Entstehung von Lawinen bei, die aber untereinander und von anderen Faktoren auch noch beeinflusst werden. Deswegen wollen wir es auch hierbei belassen.
Wissen ist Macht
Für uns Freerider bedeutet das, dass nur derjenige an den besten Spots gefahrlos fahren kann, der sich mit der Problematik von Lawinen intensiv auseinander gesetzt hat. Für Einsteiger führt also an entsprechenden Camps kein Weg vorbei – und schon gar nicht, wenn diese wie von ortovox (www.ortovox.com) oder saac (www.saac.at), kostenlos angeboten werden. Die vermittelten Basics sind danach aber auf keinen Fall ein Freifahrtschein. Vielmehr heißt es nun, die erlernten Kenntnisse zu vertiefen und immer wieder zu trainieren.
Vorbereitungen im Tal
Anders als die meisten von euch vielleicht denken würden, fängt die Vorbereitung für euer Freeride-Erlebnis bereits zu Hause mit einem Blick auf den Wetterbericht an. Denn bei Sturm, massiven Niederschlägen oder schlechter Sicht ist das Gelände abseits der Pisten für uns tabu. Basta! Wetterseiten gibt es viele, ich würde euch die vom Alpenverein empfehlen, da sie speziell auf uns Bergsportler zugeschnitten ist (www.alpenverein.at). Schritt zwei führt euch auf www.avalanches.org, dort findet ihr den tagesaktuellen Lawinenlagebericht inklusive der europäischen Lawinengefahrenskala mit fünf Gefahrenstufen. Leider fünf – im Grunde dürfte sie nur drei haben, denn bei den Stufen 4 und 5 hat niemand etwas abseits der präparierten Pisten verloren. Ihr spielt mit eurem Leben, wenn ihr euch über dieses ungeschriebene Gesetz hinwegsetzen wollt. Neben der unmissverständlichen Kenngröße dieser Warnstufe wird die aktuelle Lawinensituation in den jeweiligen Gebieten beschrieben. Die Interpretation dieser Texte und Skalen verlangt viel Übung, bis sie bei euch in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Schließlich solltet ihr die Zeit vor eurem Tag im Powder nutzen, eure Ausrüstung zu kontrollieren. Dass LVS, Rucksack, Schaufel, Sonde und Helm lebensnotwendig sind, brauchen wir hoffentlich nicht mehr zu erwähnen. Ein Blick auf die Batterieanzeige eures LVS-Gerät lohnt sich, denn ohne Saft nutzt einem selbst das neueste Modell nichts. In den letzten Jahren haben sich ganz klar die digitalen Mehr-Antennen-Systeme durchgesetzt. Diese erlauben auch dem etwas ungeübteren Rider die Ortung eines Verschütteten im Ernstfall. Fast schon so etabliert wie Pieps, Schaufel und Sonde sind inzwischen auch die Lawinenrucksäcke. Dass die Packs mit ihrem Lawinen-Airbag Leben retten können, steht außer Frage, jedoch sollte man sich mit den Airbags keinesfalls als unsterblich ansehen! Zum Schluss wollen wir noch ein Wort zu den Schaufeln verlieren: Klar sind die Modelle aus Plastik leichter, dennoch nehmen es nur Schaufeln aus Alu oder verstärktem Karbon mit dem komprimierten Schnee in Lawinenkegeln auf. Also spart nicht an der falschen Stelle – das gilt für die komplette Lawinenausrüstung!
Verhalten am Berg
Die Entscheidung, ob ihr am Berg in einen Hang einfahrt oder nicht, nimmt euch letztlich niemand ab, es sei denn, ihr seid mit einem Bergführer unterwegs. Nur wer sein Wissen auf die lokalen Bedingungen übertragen kann, hat eine Chance, die Lawinensituation optimal einzuschätzen.
Wie wir bereits erwähnt haben, tragen Hangneigung, Höhenlage und Exposition entscheidend zur Entstehung von Lawinen bei. Diese drei Faktoren lassen sich im Gegensatz zu den vielen anderen Einflüssen messen. Für alle, die stolze Besitzer eines iPhone sind, hat Mammut mit der „Safety App“ die passende Anwendung entwickelt, die eben diese Werte bestimmen kann und euch zudem noch einen Link zum aktuellen Lawinenlagebericht vorinstalliert hat. Unter www.mammut.ch/safetyapp könnt ihr die Software kostenlos downloaden. Es gibt aber natürlich auch viele andere Geräte, die euch dabei helfen. Habt ihr die notwendigen Daten gesammelt, wird es schwieriger. Ihr müsst nun die unterschiedlichen Zeichen deuten, die Wind und Temperaturverlauf im Hang vor euch hinterlassen haben. Und dem nicht genug, müsst ihr all diese Daten noch zum Lawinenlagebericht in Relation setzen. Hierfür gibt es unterschiedliche Strategien, die euch bei dieser schwierigen Aufgabe helfen. Diese nutzen euch aber nur, wenn ihr sie immer wieder übt. Nur dann können sie euch vor Gefahren schützen. Deutlich einfacher ist da die Alternative der DAV Snowcard (www.av-snowcard.de). Diese unterstützt euch bei der Klärung der Frage, ob ihr gefahrlos den vor euch liegenden Hang befahren könnt oder nicht, wobei die Handhabung extrem easy ist. Dennoch kann sie niemals als Alternative zur intensiven Beschäftigung mit der Lawinenthematik herangezogen werden.

Bleibt noch euer Verhalten beim Riden. Und das ist sogar eine der größten Ursachen, wenn nicht sogar die größte überhaupt. Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang das Wort „Gruppendynamik“ auf. Natürlich ist es schwer, „nein“ zu dir selber und zu deinen Kumpels zu sagen, wenn der Hang vor euch so fett aussieht! Sogar sehr schwer, ich weiß. Aber sind die Voraussetzungen nicht gegeben, vertraut auf euren Verstand! Habt ihr euch auf einen Hang geeinigt, gibt es einiges zu beachten. Wählt eure Line gemäß dem Level, auf dem ihr euch momentan befindet, und fahrt nicht wild drauflos. Es wird grundsätzlich nur einzeln gefahren, so dass im Falle eines Abgangs nicht die ganze Gruppe verschüttet wird. Macht strategisch sichere Treffpunkte aus. Bestimmt eine Person, die als Letztes fährt und somit helfen kann, falls es einen von euch schmeißt. Wie ihr euch verhaltet, wenn es trotz aller Vorsicht dennoch zum Lawinenabgang kommt, zeige ich euch auf der nächsten Seite.
Der Ernstfall
Okay, du hast alle Punkte des Risikomanagements gewissenhaft befolgt, dennoch erschüttert dich ein gewaltiges Grollen und schon treibst du auf einem riesigen Schneebrett dahin.
Gehen wir von der Regel aus, dass du es nicht schaffst, seitlich aus der Lawine zu fahren, du bist mehr oder weniger deinem Schicksal ausgeliefert. Du kannst lediglich versuchen, noch deinen Airbag zu zünden, dich von deinen Stöcken zu befreien und durch Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu bleiben. Der Rest ist mehr oder weniger Glücksache bzw. das Ergebnis der schnellen Ortung deiner Freunde. Denn ist das Schneebrett erst einmal zum Stillstand gekommen, kannst du nicht mal mehr deinen kleinen Finger bewegen. Wenn irgend möglich solltest du dir kurz vor Stillstand der Lawine mit deinen Armen und Händen eine Atemhöhle herstellen. Das Zauberwort heißt nämlich „Luft“! Jetzt hilft nur noch, Ruhe zu bewahren und darauf zu hoffen, dass deine Crew einen guten und vor allem schnellen Job macht. Laut Statistik überleben nämlich 90 Prozent aller Verschütteten die ersten 15 Minuten. Die Zeit, bis die Bergrettung mit ihren Hunden kommt, hast du wahrscheinlich nicht.
Gehen wir lieber davon aus, du hattest Glück und die Lawine ist unter dir abgegangen. Jetzt kannst du die Geschehnisse selbst beeinflussen. Wie gesagt, ihr habt 15 Minuten. Das ist euer Zeitfenster, das ihr optimal nutzen müsst. Also Ruhe bewahren! Okay, durchzählen! Es fehlt genau einer aus eurer Gruppe. Wo habt ihr ihn das letzte Mal gesehen? Sprecht miteinander, nur so könnt ihr ungefähr den Lagepunkt des Opfers und den primären Suchbereich eingrenzen. Vielleicht schaut ja doch noch eine Hand oder ein Stock aus dem Schnee? Wenn nicht, müsst ihr die Suche organisieren. Der Erfahrenste von euch sollte jetzt die Gruppe einteilen. Zuerst alle ihre LVS-Geräte auf Suchen stellen, um bei der Ortung nicht durch unnötige Sendesignale die Suche zu behindern, und Handys aus. Vorher noch die Bergwacht informieren. Der Rest holt Schaufel, Sonde und Erste-Hilfe-Kit aus dem Rucksack. Wie die so genannte Grob-, Feinsuche und Punktortung funktionieren, lernt ihr bei den Lawinencamps. Die Bergführer werden euch eintrichtern, dass ihr immer wieder mit dem LVS trainieren müsst, bis die Ortung für euch automatisiert abläuft. Nur so könnt ihr im Ernstfall die Ruhe bewahren und seid in der Lage, euren verschütteten Freund zu finden.
Und jetzt hoffen wir, dass keiner von euch jemals in eine Lawine gerät oder einen seiner Freunde suchen muss! Und besucht nächsten Winter ein Lawinen Camp, wie zum Beispiel die der Ortovox Safety Academy.
