„Eis-Surfer“ haben sich vom Surf-Stereotyp – Sonne, Strand und kristallklares Wasser – weiter entfernt als Lothar Matthäus von einem zusammenhängenden Satz. Was treibt diese Jungs zu den kältesten und zehrensten Spotsweltweit?
Wir wollten wissen, welche Frostgrade Eis-Surfer gerade noch ertragen können, wenn die Wellen am Kochen sind. Also haben wir Surfer in Schweden, Dänemark, an den Great Lakes in den USA und am Eisbach nach der kältesten Session ihres Lebens gefragt.
Freddie Meadows in Südschweden
Freddie Meadows – stapft manchmal stundenlang durch kniehohen Schnee, um einen neuen Spot zu entdecken. Als Eis-Surfer wird er fast immer fündig
„Die kälteste Session meines Lebens ist schon fünf Jahre her und markierte den Beginn eines harten und langen Winters in Südschweden. Die Luft an diesem Tag hatte etwa minus 20 Grad, und die Wassertemperatur lag um den Gefrierpunkt. Ich saß vor meiner kleinen Hütte am Strand und wärmte mich so lange am Lagerfeuer auf, bis der Wetsuit zu dampfen begann. Dann rannte ich durch den knöcheltiefen Schnee ins Wasser. Ich surfte für etwa eineinhalb Stunden – vollkommen allein und mit dem Gefühl, in diesem Moment der einzige Mensch weit und breit in diesem Ozean zu sein.“

„Die Wetsuits sind mittlerweile so gut, dass es eigentlich keine Temperatur gibt, bei der ich nicht ins Wasser gehe. Manchmal schütte ich mir vor der Session warmes Wasser in meine Booties und Handschuhe. Vorsichtig bin ich eigentlich nur, wenn ich weiß, dass ich noch einen langen Rückweg vom Strand zurück zum Auto vor mir habe. Dann versuche ich, das Wasser zu verlassen, bevor mein Körper anfängt unkontrolliert zu zittern und die Muskeln nicht mehr mitspielen. Aber an diesem Tag war die beheizte Hütte nur ein paar Meter vom Strand entfernt und ich musste mir über Unterkühlung keine Sorgen machen. Was bei Kälte auch hilft: Gut zu essen und viel zu trinken, denn das verleiht deinem Körper einen wahren Energieboost, der dich länger warm hält.“

Jonas Bronnert aus Kiel
„Die letzte sehr kalte Session hatte ich Ende Januar letzten Jahres in Dänemark. Eigentlich wollte ich nur kurz rein, aber weil ich mit meinem Board keine Wellen bekommen habe, sind es am Ende fünf Stunden geworden. Ich habe die ganze Zeit solide Barrels gesehen, kam aber entweder nicht rein oder nicht mehr raus. Als ich dann am Ende der Session endlich eine Tube erwischt habe, ist mein Board gebrochen.“
„In kaltem Wasser zu surfen hat vor allem Vorteile, wie leere Lineups und Locals, die sich über deinen Besuch freuen.“
„Zu kalt, um ins Wasser zu gehen, ist mir eigentlich nie. Mein 5/3/3 Drylock von Excel lässt mich selbst bei Marathonsessions wie in Dänemark nicht im Stich. Dumm ist nur, wenn Eisschollen im Wasser treiben, denn die können nicht nur dein Board zerstören, sondern auch dich ernsthaft verletzten. Wer eine Kollision vermeiden möchte, sollte an wirklich kalten Tagen nicht an Fluss- oder Fjordmündungen surfen. Mir selbst ist das bisher aber erst einmal passiert – in Hvide Sande, an der dänischen Westküste. In kaltem Wasser zu surfen hat ansonsten aber vor allem Vorteile, wie leere Lineups und Locals, die sich über deinen Besuch freuen.“

Aurélien Bouché-Pillon an den Great Lakes
„Mitten im Schneesturm ganz alleine im Lineup sitzen, ist für mich fast schon eine spirituelle Erfahrung. Ich bin dann eins mit der Natur und fühle mich als Teil eines großen Ganzen. So war es auch an diesem Februartag vor einem Jahr. Ein kräftiger Sturm hatte cleane Wellen auf dem Ontario-See nahe der kanadischen Grenze produziert und außer mir war mal wieder niemand im Wasser. Was bei diesen Temperaturen aber auch kein Wunder war: Das Wasser hatte gerade einmal null Grad, und die Luft war durch den starken Wind auf minus 25 Grad abgekühlt. Bei solchen Sessions ist meist nach zwei Stunden Schluss. Sobald man merkt, dass die Kraft in Armen und Beinen und Armen schwindet, sollte man raus aus dem Wasser. Als nächstes kommen nämlich dann die Krämpfe, und wenn man so wie ich meistens mutterseelenallein surft, kann das schnell lebensgefährlich werden.“

„Um bei diesen extremen Bedingungen überhaupt so lange im eiskalten Wasser zu überleben, trage ich einen 6.5 mm Hyperflex Voodoo Wetsuit, 7 mm Booties und Handschuhe, eine Skimaske und zwei Neoprenhauben übereinander. Mein Geheimtipp: Sich das Gesicht mit Vaseline oder Olivenöl einzuschmieren, das schützt zusätzlich vor der Kälte.“

„Aber eigentlich beginnt meine Vorbereitung schon Tage vorher. Ich verzichte dann auf Kaffee (der entzieht dem Körper Wasser, was zu Krämpfen führt), trinke viel warmes Wasser mit Zitrone und esse jede Menge Kohlenhydrate, Eier Bananen und Nüsse, um mich mit zusätzlicher Energie zu versorgen. Um mich an die Kälte zu gewöhnen, gehe ich viel draußen spazieren und versuche, mich mental auf die Session vorzubereiten. Dabei stelle ich mir immer wieder vor, wie ich surfe und Spaß dabei habe. Denn nach unzähligen Sessions in Schneestürmen, bei Eisregen und dichtem Nebel habe ich eines gelernt: Nicht dein Körper zieht die Grenze, sondern dein Kopf.“
„Mein Geheimtipp: Sich das Gesicht mit Vaseline oder Olivenöl einzuschmieren.“
Frederick Pietzcker am Münchner Eisbach
„Es ist schon etwas absurd: Wenn es Neuschnee in München hat und ich am Wochenende vor einer weißen Winterlandschaft aufwache, ist mein primärer Gedanke nicht unbedingt, dass ich in die Berge muss. Statt nach dem Snowboard greife ich dann lieber nach meinem Surfbrett und springe in den Eisbach. Eine Session im Schnee, nur du und deine besten Freunde – das ist einer dieser Momente, für die man lebt!“
„Eine Session im Schnee, nur du und deine besten Freunde – das ist einer dieser Momente, für die man lebt!“

„Da nimmt man auch gerne in Kauf, der Autofahrer zu sein und erst alle zu Hause abzusetzen, bevor man endlich, völlig erfroren, selbst in die warme Wanne hüpfen kann. Der bisher kälteste Tag am Eisbach? Das war dieses Jahr im Januar. Ich weiß nicht mehr genau, wieviel Grad es hatte, aber es wehte ein verdammt frischer Wind. Nach etwa zweieinhalb Stunden waren meine Füße fast taub. Der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören, denn man hat dann eigentlich kaum mehr Brettgefühl, und bei Kälte ist jeder ungewollte Kontakt mit dem eigenen Board oder mit den Steinen am Grund viel schmerzhafter als sonst. Wenn die Füße und das Gesicht nach so einer Wintersession dann langsam wieder auftauen, fängt meine Haut wie verrückt zu jucken an. Das ist richtig unangenehm, aber nach etwa 20 Minuten ist meist wieder alles in Ordnung.“