Eric Pollard gehört zu den Freeski Pros, die weit mehr für die Entwicklung dieses Sports beigetragen haben, als allein durch ihre Performance. Der Kreativkopf hinter der Freeski Video Crew Nimbus Independent hat mit den Shapes und Graphics der Modelle für Line Skis der Freeski Community eine eigene Identität und schließlich einen individuellen Stil verpasst.

Hi Eric, wie läut´s bei dir und deinem Bein? Letzten Sommer warst du ja wie beinahe jeder aus der Freeski-Szene in den Anden zum Powdern unterwegs.
Stimmt ja! Und ich muss zugeben, dass es mit Abstand der beste Trip war, den ich in meiner Karriere nach Chile oder Argentinien unternommen habe. Wir hatten echt super feine Bedingungen und auch auch mein Bein hat gut mitgespielt. Nach den letzten schwierigen Jahren hab ich mich mit meinem Handicap arrangiert und weiß inzwischen genau wo mein Limit ist.
Schön zu hören, dass da wieder alles in Ordnung ist. Dann steigst du wieder voll bei Nimbus ein – also auch wieder vor der Cam?
Ja klar! Ich habe ja auch letztes Jahr schon wieder mitgemischt, wie ihr am Cover seht. Vielen Dank für das geile Ding! Die letzte Zeit war ich hauptsächlich am Rechner gesessen und habe am Schnitt von „After The Sky Falls“ gearbeitet. Inzwischen ist der Master schon bei itunes und somit auch bald bei euch – hoffentlich. Zusammen mit Benchetler und Pep haben wir zwei Jahre für den Film Footage gesammelt. Unser Focus lag besonders darauf, die Komplexität von Skitrips zu zeigen und die Persönlichkeit der Protagonisten rüberzubringen.
https://vimeo.com/136389613
War es schon immer ein Traum von dir, sowohl hinter als auch vor der Kamera zu stehen und dann alles zu einem Edit zusammenzufügen?
Ich mag es wirklich sehr, alles was zum Filmemachen gehört miteinander zu kombinieren. Ich glaube ich müsste 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, als ich mir meine erste 16mm Kamera zugelegt habe. Seither dokumentiere ich all meine Trips und habe die immer selbst geschnitten. Es is faszinierend, wie man mit mit der Kombination von Sound und Schnitt einen einzigartigen Look kreieren kann, der sich dann durch den gesamten Film zieht. Natürlich ist es extrem viel Arbeit, sich um die gesamte Produktion zu kümmern, doch bislang hat sich dieser Aufwand immer ausgezahlt. Vielleicht sehe ich in meinen Edits etwas abstrakteres als ihr, denn für mich sind die Nimbus Streifen schon fast zu einem überdimensionalen Kunstprojekt geworden, in dem sich unterschiedlichste Medien zu einem einzigen Erlebnis vereinen. Passend dazu wird „After the Sky Falls“ ein Buch begleiten – in dem sich Artwork und Fotos der letzten zwei Jahre zu einem tollen Mix miteinander verbinden.
Du gestaltest ja auch das Booklet und und den restlichen Promo Stuff von Nimbus. Meines Wissens hast du aber niemals eine Kunst Hochschule besucht, sondern immer nur davon geträumt. Wie erklärst du dir dein Talent?
Da hast du recht. Ich wollte früher wirklich Kunst studieren, was aber schon einige Zeit zurück liegt und sich dann auch im Sand verlief. Grafik-Design, Schnitt und Malerei hat mich schon immer begeistert und ich wusste, dass ich später in irgendeiner Art und Weise in diesem Berufsfeld meine Kohle verdienen würde. Um ehrlich zu sein dominierte dieser Traum den einer professionellen Skikarriere. Ich wuchs in einer Zeit auf, als es noch keine Twintips gab und „Freeskiing“ noch nicht einmal als Begriff bestand. Somit kam auch niemand auf den Gedanken, sich als Pro in dieser Sportart zu versuchen. Dennoch wollte ich so aktiv wie möglich an dieser neuen Bewegung teilnehmen und meinen Stempel aufdrücken. Ich experimentierte mit Twintips, noch bevor diese überhaupt am Markt waren. Zudem wollte ich den Look dieser neuen Strömung beeinflussen und Klamotten, Goggles, Bags und natürlich den Grafiken auf den Skiern eine unverwechselbare Identität verpassen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als es auf eigene Faust zu versuchen, weil der Stuff in den Shops nicht das repräsentierte, was ich im Freeskiing sah. Nach einigen Anläufen und vielen Stunden am Rechner oder vor dem Zeichenblock hatte ich dann so etwas wie meinen eigenen Style gefunden.

Das heißt ja noch lange nicht, dass dein Gekrakel auch anderen Leuten gefallen könnte. Du triffst ja aber mit deinen Styles immer wieder genau ins Schwarze. Wie erklärst du dir also deinen künstlerischen Scharfsinn?
Den gestalterischen Trieb habe ich sicher zum Teil von meinen Eltern vererbt bekommen. Mein Vater hat beispielsweise Bildhauerei studiert und mein Onkel hat einen Abschluss in Malerei und Fotografie. Kunst, Design und Fotografie hat mich also schon immer begleitet. Talent-befreit bin ich also wohl nicht, aber ich habe auch sehr viel Energie und Stunden in all meine Projekte investiert, damit sie genau so aussehen, wie ich es mir im inneren Auge vorgestellt hatte. Ich gehöre also nicht zu den Leuten, die einfach einen Stift in die Hand nehmen und schon mit den ersten Strichen das Papier auf magische Weise zum Leben erwecken.
Deine Frau ist Fotografin… da wird dann die Kreativität bestimmt weiter zu eurer Tocher Isabella vererbt?
Das könnte gut möglich sein. Meine Frau war für ein paar Jahre als professionelle Snowboarderin unterwegs, bis sie ihr College in Grafik Design abschloss. Später dann zog es sie mehr in die Fotografie, was sie immer noch sehr leidenschaftlich ausübt. Isabella ist gerade erst vier Jahre alt geworden, aber es lässt sich in der Tat schon eine künstlerische Ader feststellen. Sie besitzt einen tollen Blick für die Welt, was sich in ihren eigenen Kompositionen zeigt, die sie mit meiner Kamera einfängt. Vielleicht erklärt sie euch in Zukunft ihre Visionen, wenn sie etwas älter ist…

Ok, das hat ja noch etwas Zeit, bis wir eure Tochter in unserem Mag featuren. Lass uns doch über deine künstlerischen Visionen und deinen Stil sprechen. Gibt es eine Gemeinsamkeit, die allen deinen Arbeiten zugrunde liegt?
Seinen eigenen Stil zu beschreiben ist nicht ganz einfach. Mich haben sicher bestimmt die Zeichnungen und Gemälde beeinflusst, die mich zuhause während meiner Kindheit begleitet haben. Salvador Dali hat hat da sicher einen prägenden Eindruck bei mir hinterlassen, denn sein Surrealismus liegt auch den meisten meiner Arbeiten zugrunde. Ich beschäftige mich aber auch mit abstrakten Inhalten. Mit diesen beiden Stilrichtungen lassen sich meine Werke am Besten beschreiben.
Uns stellt sich zudem die Frage, woher du deine Inspirationen ziehst, die du dann später auf Leinwand oder am Rechner verarbeitest.
Thematisch verarbeite ich meistens persönliche oder prägende Erlebnisse – also die Eindrücke, die ich auf meinen vielen Reisen erleben durfte. Diese bringe ich dann in eine künstlerische Gestalt. Generell stehe ich auf alle menschlichen Ausdrucksformen, die einen produktiven Beitrag für unsere Menschheit hinterlassen. Wenn ich beispielsweise auf meinem Surfboard sitze und auf das anrollende Set warte, tauche ich völlig in die Natur um mich herum ein – der unverrückbare Horizont oder die Farbe, die beim Sonnenuntergang von leuchtendem Orange über dem Wasser in dunkles Blau über mir fließt. Dazu die Reflexionen die auf dem Meer tanzen, die Schwere der Wellen, der Wind und wie sich alles zu bewegen scheint. Viele meiner Malereien sind der Versuch, dieses fesselnde Gefühl einzufangen und visuell festzuhalten.
Wie gehst du dann dieses „Einfangen“ an? Ein Foto konserviert dein Gefühl ja in dem Moment, in dem es entsteht – quasi live. Beim grafischen Arbeiten musst du aber auf deine Eindrücke zurückgreifen, die vielleicht schon Wochen zurückliegen.
Genau darin liegt auch mein persönliches Problem. Ich bin oft sehr ungeduldig und will so schnell wie möglich meine Visionen umsetzen. Ich muss mich da jedes Mal zusammenreißen, um ruhig zu bleiben und reflektiert an die Sache heranzugehen. Aber vielleicht gehört auch das zum Prozess der Entstehung. Ich kann nämlich nicht behaupten, dass ich eine standardisierte Herangehensweise habe. Sobald ich aber mit einem Projekt begonnen habe, tauche ich voll in dieses ein. Nachdem ich mich auf eine spezielle Vision festgelegt habe, skizziere ich diese grob gleich mehrere Male, um zu Beginn ein Gefühl von der Bildaufteilung, den Farben und dem Fluss der Formen zu bekommen. Danach geht es wie gesagt immer ziemlich unterschiedlich weiter, bis ich von den groben Entwürfen immer weiter ins Detail vorrücke und am Ende schließlich das fertige Endprodukt entstanden ist. Lebensnotwendig ist bei diesem gesamten Prozess der passende Beat. Der kann sich über beinahe alle Genres erstrecken – Folk, Akkustik, Rock, Reggae, Dream Pop… alles ist möglich.

Versetzt du dich so in eine spirituelle Stimmung? Oder siehst du dein Schaffen doch eher als erlerntes Handwerk an?
Nein, mein kreatives Schaffen bedeutet für mich definitiv mehr als die Verbindung von Kunst und Handwerk. Mich faszinieren jedes Mal auf´s Neue die Bewegungen beim Malen. Genauso liebe ich es, wenn ich mich komplett auf meine Arbeit fokussiere und alles um mich herum ausblenden kann. Bevor ich nicht das absolute Maximum aus dem jeweiligen Werk herausgearbeitet habe, ist es für mich schwierig, aus diesem Zustand auszubrechen. Es hat sicher etwas spirituelles oder gar meditatives an sich – keine Frage!
Willst du dieses Gefühl später auch den Betrachtern vermitteln – oder generell eine Message?
Ich glaube nicht, dass es eine bestimmte Botschaft gibt, die ich in meinen Projekten verstecke. Es geht mir eher darum, dass ich mich ausdrücken kann. Und das eben mit all den unterschiedlichen Formen. Wobei ich mich nicht mit meiner Kunst sondern mit meiner Art des Skifahrens am Besten mitteilen kann. Somit war der expressionistische Stil, wie ich mich im Schnee bewege, Mittel zum Zweck. Dabei spielten technische Tricks wie Tripels, die ich auf einer Wasserschanze hätte üben müssen, niemals eine Rolle. Mich haben da deutlich mehr die flowigen und relaxten Styles aus der Board-Szene angesprochen, die ich durch meinen Freestyle Background ganz gut auf Twintips transferieren konnte. Moguls und Areals haben natürlich ihren Reiz, doch für die komplette Bandbreite unseres Sports fehlen mir definitiv stylishe Turns, Grabs und chillige Airs, die sich dann zusammen mit Rotationen zu einem geschlossenen Ganzen verschmelzen. Das ist es, was ich unter Skifahren in seiner Komplexität verstehe und mir den meisten Spaß bereitet.

Wenn du ein Gemälde fertig gestellt hast – wie bekommst du dieses dann auf die Topsheets deiner Skier? Oder hast du vorher schon ein Skidesign im Kopf und produzierst schon in entsprechenden Formaten vor?
Ich habe in den letzten zehn Jahren mit beinahe jeder Spielart der bildenden Kunst herumexperimentiert. Darum habe ich mir mit jedem Projekt ein immer feineres Gespür erarbeitet, was mit welchem Medium am Besten funktionieren könnte. Manchmal sehen Grafiken auf dem Rechner extrem fett aus, verlieren aber als Topsheet vollkommen ihren Flair. Entscheidend für die optimale Wirkung ist einfach das Zusammenspiel von Art der Grafik und der Wahl des Trägermaterials. Vielleicht haben sich deswegen die Vielzahl meiner Grafiken eine sehr klare und kontrastreiche Richtung eingeschlagen, weil sie sich somit sehr vielfältig präsentieren lassen.

Lass uns doch auch noch über die Shapes bei Line sprechen. Schließlich bist du ja auch bei der Entwicklung der Latten maßgeblich bei Line involviert.
Schon als Jugendlicher hatte ich immer das Gefühl, dass die gängigen Modelle mich und mein Potential eher bremsen würden, als dieses zu unterstützen. Drum habe ich schon früh damit begonnen , mit unterschiedlichen Shapes zu experimentieren und diese immer weiter zu verbessern. Gerade Tip und Tail wollte ich so konstruieren, dass sie vielseitiger performen können und ich im Powder entspannt switch riden kann. Um dieses Ziel zu erreichen, musste ich völlig neue Flex-Muster und Shapes erschaffen, die meine Visionen in den Schnee bringen konnten. Stellt euch da mal vor – ich war damals schon Pro, schnallte mir im Backcountry aber immer öfter mein Snowboard unter die Füße. Mit seiner großen Fläche und seiner Wendigkeit konnte ich im Gelände genau das ausleben, was ich mir vorstellte. Es war einfach frustrierend. Ich musste also meine Skier selber bauen – und zwar breiter, um easy zu floaten und schließlich auch rückwärts im Powder zu riden. 2001 habe ich dann schließlich den Prophet 130 bei mir zuhause am Reissbrett designt und später Jason Levinthal von Line gefragt, ob er mir den Ski nicht bauen könnte. Nach zwei Wochen kam dann ein längliches Paket bei mir an und ich nahm meine neuen Latten gleich auf einen MSP Trip nach Alaska mit. Als die anderen Pros meine Skier sahen mussten sie lachen, weil meine 130 mm Geräte das damalige Maß für „Fat Skis“, das bei erstaunlichen 95 Millimetern lag, deutlich überstieg. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass diese Monster überhaupt zu handlen waren. Da waren wir einfach nicht einer Meinung, beziehungsweiße hatten völlig unterschiedliche Vorstellungen von unserem Sport. Die anderen Jungs wollten fette Cliffs dropen, auf dem Rücken einbomben und auf ihren dünnen Hölzern rumstochern. In diesen Haufen passte ich nicht ganz rein. Ich dachte sogar schon darüber nach, zu den Absinth Jungs ins Snowboard-Lager zu wechseln, die zur gleichen Zeit in AK unterwegs waren. Sie hatten einen ähnlichen Stil und ich war mir sicher, dass ich bei ihnen besser aufgehoben wäre. Doch sie konnten sich mit mir als Pommes-Rutscher nicht identifizieren, was für Snowboarder zur damaligen Zeit völlig verständlich war. Ich befand mich also zwischen zwei Fronten und musste meine eigene Suppe kochen. Was mir aber sehr entgegen kam, weil ich schnell das Gefühl hatte, dass ich mit den 130 Millimetern unter dem Fuss etwas ganz Neues erschaffen hatte.
https://www.youtube.com/watch?v=AzwhHL4YV-4
Lass uns zum Schluss noch über deine zukünftigen Pläne sprechen. Nach deiner schweren Verletzung hast du sicher darüber nachgedacht, was nach deiner aktiven Laufbahn so anstehen könnte.
Da hast du recht. Ich war mir damals eigentlich ziemlich sicher, dass es das gewesen sei. Meine Verletzung hat viel verändert und ein unvergessliches Kapitel meines Lebens beendet. Ich hatte schon so viele Rückschläge in meinem Leben als Pro, aber konnte mich aber immer wieder zu 100% Prozent von diesen Verletzungen erholen, was ich nach meinem Crash in Russland leider nicht mehr schaffen werde. Mein Fuß wird teilweise gelähmt bleiben und meine Zehen sind komplett taub. Dennoch bin ich mehr als glücklich, dass ich überhaupt wieder so weit gekommen bin, denn lange war nicht klar, ob ich mein Bein überhaupt behalten könnte. Als ich dann nach zahlreichen Operation und unglaublichen Schmerzen schließlich wieder auf Skiern stehen konnte, dachte ich, dass ich es nun alles hinter mir hätte, bis nach einem Monat das Bein erneut brach und ich weitere acht Monate aussetzen musste. Nach dem letzten verletzungsfreien Winter war mir klar, dass ich immer noch auf hohem Niveau skifahren kann, aber eben nicht mehr auf dem Level das ich vor meiner Verletzung hatte. Natürlich habe ich in den Letzten Jahren darüber nachgedacht, was denn meine Alternativen wären, wenn irgendwann gar nichts mehr gehen würde. Meine Arbeiten als Grafiker, Filmemacher und Maler gaben mir neben anderen Optionen sicher etwas Halt. In erster Linie musste ich mich aber mit einem Leben nach meiner Pro Karriere ernsthaft auseinandersetzen und anfreunden. Skifahren gehört zu meiner Identität und es hat mich extrem beängstigt, wenn mir dieser Sport in Zukunft genommen werden könnte. Ich wusste nicht, wie ich ein Leben ohne Powder überhaupt lebenswert gestallten könnte. Was sollte denn dann aus meinen Träumen werden, in denen ich mich im Alter von 60 Jahren mit meinem Kindernauf Skiern sah. Doch mit meiner Schiene, die ich seither trage, kann ich alle meine sportlichen Aktivitäten ausüben – außer Snowboarden. Irgendwie verträgt sich der seitliche Stand auf dem Brett nicht mit meinem lädierten Bein. Darum bastel ich schon seit geraumer Zeit an meinen Boots und einer Bindung, um auch endlich wieder Boarden zu können. Beim Skischuh hat es ja schließlich auch geklappt, dem ich einen höheren Schaft verpasst habe um einen besseren Hebel über meine Skispitzen zu verpassen. Alles gut… ich bin glücklich, so wie alles ist.
Sehr schön. Wir drücken dir jedenfalls die Daumen, dass ein Eric Pollard dann auch noch mit seinen Enkeln zum Skifahren gehen kannst. [/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]
