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myclimate – Geschäftsmodell oder Klimaschutz?

Outdoor-Enthusiasten sind viel unterwegs, um die schönsten Locations zu erreichen, auch mit Auto, Zug oder Flugzeug. Wie man dabei trotzdem umweltfreundlich reisen kann, zeigt uns die Klimaschutzorganisation myclimate mit einem außergewöhnlichen Konzept.

myclimate hat sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Dabei verfolgen sie einen etwas ungewöhnlichen Ansatz: Die Kompensationsmethode. Dazu werden zunächst alle CO2-Verbräuche gemessen, daraus wird ein entsprechender Geldbetrag berechnet, der diese Emissionen wieder kompensieren kann. Denn mit diesem Geldbetrag unterstützt myclimate Klimaschutzprojekte auf der ganzen Welt, die CO2 einsparen und damit unseren lokalen Verbrauch ausgleichen.

Was man zum Beispiel mit einem Flug von München nach Hamburg bewirken kann, zeigen wir euch auf Seite 3.
Das heißt, jeder kann von zu Hause aus bequem seinen persönlichen Anteil am Treibhauseffekt kompensieren. Für seine CO2-Emissionen Geld zu bezahlen ist aber für viele noch ein fremder Gedanke. Wie das genau funktioniert und welche Auswirkungen diese Strategie hat, erzählt uns Kai Landwehr, Pressesprecher von myclimate im Interview.

Hallo Kai! Bei euch kann man als verantwortungsbewusster Mensch Geld dafür bezahlen, dass man die Umwelt verschmutzt. Wie genau funktioniert das?

„Du zahlst nicht Geld dafür, dass du die Umwelt verschmutzt, sondern einen Beitrag, um Verantwortung für die eigenen CO2-Emissionen zu übernehmen. Das funktioniert nach einem relativ einfachen Prinzip. Alles was du tust in deinem Leben, verursacht einen CO2-Fußabdruck. Der klassische Fall ist, wenn du einen Flug tätigst. Bei diesem Flug entstehen CO2-Emissionen und wie wir wissen ist CO2 ein Haupttreiber des weltweiten Klimawandels.

Jetzt ist die Frage, was kann man dagegen tun? Du kannst natürlich nicht fliegen, aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Dann kannst du zumindest Verantwortung für diese Emission übernehmen und versuchen, das was du verursacht hast, anderweitig wieder auszugleichen.

Und das ist, was wir anbieten: Die gleiche Menge an CO2-Emissionen, die du mit deinem Flug oder Laptop oder was auch immer, verursacht hast, an anderer Stelle erst gar nicht entstehen zu lassen. Das Klima ist ein globales System, ihm ist egal, wo CO2-Emissionen entstehen und vermieden werden. Die Gesamtsumme ist entscheidend, und dementsprechend bieten wir dir an, deine persönliche Gesamtsumme auf Null oder natürlich auch weiter zu senken.“

Das heißt, es geht ums Kompensieren und nicht ums Reduzieren?

„Nein. Es geht ums Kompensieren, ums Reduzieren und ums allgemeine Vermeiden. Das muss alles drei zusammengehen. Du als verantwortungsbewusster Mensch musst dir überlegen, wie kann ich CO2-Emissionen überhaupt reduzieren und vermeiden. Das Auto mal stehen lassen und mit dem Fahrrad fahren zum Beispiel. Nichtsdestotrotz wirst du in deinem Leben vermutlich nicht darum herum kommen CO2-Emissionen zu generieren und dementsprechend wäre es nur folgerichtig, diese dann auch zu kompensieren. Und je mehr du vermeidest und reduzierst, desto weniger müsstest du am Ende kompensieren.

Aber es ist wichtig, dass alles drei gleichzeitig erfolgt. Es geht vor allem darum, dass du deinem Handeln und deinem CO2-Fußabdruck einen Preis gibst und folglich dem globalen System Klima hilfst. Aber es ist keine Entweder-oder-Frage, sondern eine Sowohl-als-auch-Frage.“

Kompensieren und Reduzieren
Kompensieren und Reduzieren

Eure Organisation steht für Klimaschutz, trotzdem gibt es viele kritische Stimmen. Moderner Ablasshandel ist ein häufiger Vorwurf. Wie kommt das und was ist damit gemeint?

„Das kommt vermutlich größtenteils aus Unverständnis. Die Leute, die sich wirklich für Umwelt und Nachhaltigkeit interessieren, verstehen das auch. Leute, die das nicht interessiert, wollen es auch nicht unbedingt verstehen und sind relativ schnell mit einer Schutzbehauptung an der Hand und nennen das dann modernen Ablasshandel. Die Frage dabei ist nur: Was ist besser? Einfach gar nichts zu tun? Weil man es als Freikaufen von einem schlechten Gewissen empfindet?

Oder sagen Nein, ich übernehme bewusst Verantwortung für mein Handeln. Wenn du bei uns kompensierst, verbuchst du eine konkrete Gegenleistung. Mit jeder Kompensation, die du bei uns tätigst, wird irgendwo anders auf der Welt CO2 nicht ausgestoßen. Das kann sein, weil ein effizienter Kocher in Kenia errichtet wird oder sich eine Familie in Indien eine Biogasanlage leisten kann und kein Feuerholz mehr braucht. Das passiert mit deinem Klimaschutzbeitrag, es stellt eine konkrete Leistung dar. Das hat mit dem Ablasshandel aus dem Mittelalter nichts zu tun.“

Wenn ihr mit Firmen zusammen arbeitet, handelt ihr mit Zertifikaten. Diese Vorgehensweise erinnert eher an ein Geschäftsmodell als an Umweltschutz. Warum habt ihr diesen Ansatz gewählt?

„Wir haben diesen Ansatz ganz bewusst gewählt. Wir versuchen, Klimaschutz mit kundenorientierten und marktwirtschaftlichen Instrumenten umzusetzen. In den letzten 25 Jahren ist viel in der Klimaschutzbewegung passiert. Aber es kann nicht allein über den Staat oder Einzelpersonen funktionieren. Wir haben ganz bewusst Instrumente entwickelt, mit denen wir die Wirtschaft für den Klimaschutz ins Boot holen können. Und da ist ein Bestandteil, dass sich ein Unternehmen am Ende über uns kompensiert und seine CO2-Emission auf Null setzt.

Aber da sind mehrere Schritte vorgelagert. Zuerst wird der Unternehmens-CO2-Fußabdruck berechnet, dann versuchen wir, ihn zu verringern. Die Wirtschaft ist nicht immer der böse Verursacher, sondern sie hat genauso ein Interesse, sauber zu wirtschaften und entsprechend das Klima zu schützen. Das ist schlussendlich auch eine Budgetfrage. Für dich als Unternehmen ist es natürlich schlauer, 500.000 Tonnen CO2 zu kompensieren, als 800.000. In jedem Unternehmen gibt es sehr gute Reduktionsmöglichkeiten.“

Du hast vorhin schon erwähnt, dass myclimate Klimaprojekte auf der ganzen Welt unterstützt. Nach welchen Kriterien wählt ihr diese Projekte aus?

„Es gibt standardisierte Kriterien, denen unsere Projekte folgen, die höchsten und strengsten Standards, die es bei Klimaschutzprojekten gibt. Zum Beispiel haben wir Projekte mit CDM und Gold Standard und für die Waldprojekte den Plan-Vivo-Standard.

Für uns geht es bei Klimaschutzprojekten, denen wir Zertifikate ausstellen um Folgendes: A) Funktioniert das? Kann es erfolgreich umgesetzt werden? B) Ist es wirksam? Hat das Klima wirklich einen Vorteil davon? C) Ist es ein reines Klimaschutzprojekt oder trägt es auch zur weltweiten nachhaltigen Entwicklung bei? Gibt es zusätzliche Vorteile für die betroffenen Leute vor Ort, werden Jobs geschaffen, wird Biodiversität geschützt und so weiter. Das ist auch extrem wichtig bei Klimaschutzprojekten. Und das entscheidende Faktum: D) Braucht es tatsächlich die Unterstützung über die CO2-Kompensation? Ein Projekt, das per se wirtschaftlich ist, oder anderweitig schon gefördert wird, kann bei uns niemals ein Klimaschutzprojekt sein.“

Folgendes Video zeigt, dass die Projekte, die myclimate unterstützt, sehr sorgfältig ausgewählt werden.

Es scheint, als wären diese Klimaschutzprojekte überall auf der Welt, nur nicht in Europa. Also eher ein globaler Klimaschutz als ein lokaler?

„Teils teils. Ein Klimaschutzprojekt nach den eben genannten Standards kannst du nicht in jedem Land umsetzen. Das hat auch ganz pragmatische Gründe. Du kannst mit einem Euro oder Franken in Ländern wie Uganda, Peru oder Bolivien viel mehr erreichen, als hier im entwickelten Europa. Die Transaktionskosten sind hier beispielsweise um einiges höher. Das heißt, dort ist das Geld viel sinnvoller eingesetzt, vor allem, wenn man bedenkt, dass das Klima ein globales System ist. Gleichzeitig hast du hier in Europa bereits eine unglaublich breite Förderlandschaft. myclimate hat aber auch schon hier mit dem Schweizer Bundesamt Klimaschutzprojekte entwickelt, die allerdings wesentlich teurer sind, das muss man sagen.

Aber der lokale Klimaschutz ist das, worüber du nachdenkst: wie kannst du lokal reduzieren und CO2-Emissionen vermeiden? Der globale Aspekt kommt dann beim Kompensieren. Tatsächlich hast du von zu Hause aus unglaubliche Hebel für den Klimaschutz global. Das ist der Gedanke, der dahinter steht.“

Was myclimate mit Outdoor zu tun hat, erfahrt ihr auf der nächsten Seite.

Tags : KlimamyclimateUmweltschutz

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