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Mein erstes Mal Alpinklettern

Alpinklettern, warum nicht? Habe ich mir jedenfalls gedacht, nachdem ich schon jahrelang beim Sportklettern und Bouldern meine Erfahrungen sammeln durfte und nach neuen Zielen Ausschau hielt. Und dann stand er an – Tag X.

Alpinklettern_32Meine erste Mehrseillängen-Tour sollte mich ins Oberreintal im Wettersteingebirge führen. Das hieß um 4.30 Uhr aufstehen, nach Garmisch-Partenkirchen düsen und den schweren Rucksack schultern. Kletterequipment, Klamotten und Essen für zwei Tage müssen mit zur Oberreintalhütte, denn die bewartete Selbstversorgerhütte bietet zwar Getränke, die Verpflegung ist allerdings selbst mitzubringen. Fürs Abendessen am besten Nudeln und Fertigsoße mitbringen – das bereitet der Hüttenwart Hans Bader für alle zu. Wer das nicht mag, kann draußen seinen Kocher aufstellen oder macht Brotzeit.

Für viele ist die Parknachklamm ein beeindruckendes Ausflugsziel - heute einfach MIttel zum Zweck
Für viele ist die Parknachklamm ein beeindruckendes Ausflugsziel – heute einfach MIttel zum Zweck
Idyllisch liegt sie schon - die Oberreintalhütte ©hbgap
Idyllisch liegt sie schon – die Oberreintalhütte ©hbgap

5.55 Uhr mit dem Rad am noch unbesetzten Kassenhaus der Partnachklamm im Tal vorbei.„Ihr müsst’s vor 7.00 Uhr in der Früh durch sein, später ist´s nämlich verboten und dann ist nur noch die lange steile Auffahrt für Leute mit Bike geöffnet“, wurde uns von Insidern mit auf den Weg gegeben. Pünktlich um 6.45 Uhr passieren wir also den oberen Klamm-Eingang, nachdem wir zwischendurch mit unseren sperrigen Rucksäcken über schmale Wege durch die Klamm mehr gewackelt als gefahren sind – oder eben gleich geschoben haben. Danach geht es noch eine gute Stunde weiter per Rad und später zu Fuß bis ins Oberreintal (Rad-Depot an der Abzweigung ins Oberreintal, wo es dann nur noch zu Fuß weitergeht).

Den ersten Blick in die mächtige Berg- und Felsszenerie werde ich nicht vergessen. Es war faszinierend, ergreifend und auch ein wenig einschüchternd. Nachdem wir uns wieder etwas beruhigt haben, wartet noch ein weiteres Stückchen Weg auf uns, bis wir schließlich um 8.30 Uhr morgens endlich die Oberreintalhütte erreichen. Wir genehmigen uns ein kurzes Frühstück, stellen das benötigte Kletterequipment zusammen, lassen überflüssiges Gepäck an der Hütte zurück und brechen zum 45-minütigen Zustieg zum Wandfuß auf.

„Bis dahin dachte ich, Alpinklettern sei eher Bergsteigen – nur gehen, gehen, gehen“

Irgendwann darf ich dann endlich die Kletterschuhe anziehen, mich ins Seil einbinden und in die erste Seillänge einsteigen. Ich hoffe nur, dass es nicht zu langweilig wird, denn mit einer Tour im Schwierigkeitsgrad 5 (UIAA 5a), liegt diese Kletterei eigentlich voll unter meinem Niveau. Und wenn doch, so denke ich mir, dann wird es eben ein entspannter Tag in den Bergen. Keine 20 Minuten später hat sich meine überhebliche Sichtweise um gefühlte 180° Grad gedreht: „Fuck, wo ist denn jetzt die Route? Bin ich überhaupt noch richtig? Wann verdammte Scheiße kommt hier bitte der nächste Bohrhaken? Oh, ein Stand – den nehme ich! Mir doch wurscht, zu welcher Tour der gehört!“ Dann brülle ich „Stand“ – mehr ein Befreiungsschrei als Informationsübermittlung. Ich atme erst einmal tief durch.

Mann-o-Mann was stell ich mich denn eigentlich so bescheuert an, frage ich mich, während ich meinen Nachsteiger sichere. Scheint wohl aber nicht nur mir so zu ergehen, denn als mich mein Seilpartner erreicht und er den Vorstieg in der nächsten Seillänge übernimmt, bemerke ich, wie auch er mit ähnlich voller Hose wie ich zuvor in der Wand hängt.

„Oh, jetzt bloß keinen Kletterschuh verlieren“, denke ich mir. „ Ist er jetzt oben? Hat er Stand? Ich hör nix! Ah, 3-mal ziehen hatten wir vereinbart, dann hat er Stand. Hat er jetzt schon 3-mal gezogen?“

Mir geht das Seil aus und ich muss ihn aus der Sicherung nehmen. Warum brüllt der Arsch nichts runter, verdammte Scheiße, denke ich mir. „Ah – Seil straff, ich kann los. Geht doch.“

©hbgap
©hbgap

Nach fünf nervenaufreibenden Stunden befinden wir uns schließlich wieder am Wandfuß und ich bin mir sicher, dass ich mir alpines Klettern erstmal nicht mehr antun werde. Ausschlafen und am nächsten Tag etwas Sportklettern würde definitiv besser zu mir passen, redete ich mir ein. Nach zwei Bier auf der Hütte sah die Welt aber schon wieder anders aus und wir überlegen uns, wo wir denn am nächsten Tag einsteigen würden. Vielleicht sollten wir mal die „Rentnerrennbahn“ versuchen? Schließlich war unsere erste Begegnung mit alpinem Klettern doch echt ein Wahnsinns-Erlebnis. „Voll geil das Alpinklettern“, machen wir uns Mut und fallen um 21.00 Uhr komatös ins Bettenlager.

 

Tags : AlpinkletternWettersteingebirge

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