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48 Stunden fremdgehen – klettern jenseits von Arco

Jenseits von Arco, also dem populärsten Kletter-Spot hinter dem Monte Baldo wartet eine Vielzahl von unbekannteren Klettergebieten darauf erobert zu werden.

Da genügt schon ein Wochenende um idyllische Landschaften, wenig Tourismus und viel Lokalkolorit in 48 Stunden hineinzupacken. Drei gute Gründe also, dem Platzhirsch Arco am Gardasee einmal fremdzugehen.

Freitag

14.00 Uhr: Wochenende! Die Wolken hängen tief, Regen prasselt aufs Autodach und das Thermometer zeigt lausige 15° Grad Celsius: Nordstaulage! Schlechtwetter-Blues? Nicht mit uns – wir düsen also über den Alpenhauptkamm gen Süden und erhoffen uns jenseits der Wetterscheide dem bayrischen Grau entfliehen zu können. Kaum haben wir den Brennerpass überwunden, lacht die Sonne vom blauen Himmel und die stressige Arbeitswoche löst sich in Wohlgefallen auf. Vor uns liegen 48 Stunden Kurzurlaub: Klettern, Sonne tanken, Wein trinken – Dolce Vita eben …

Geneveva empfängt uns gleich mit Wein und lecker Futter.
Geneveva empfängt uns gleich mit Wein und lecker Futter.

18.00 Uhr: Wir fahren über knirschenden Kies auf den Parkplatz des Agritourismo „Ca’ Verde“ – unserer Homebase für die kommenden beiden Nächte. Der liebevoll restaurierte Hof aus dem 15. Jahrhundert liegt auf einer Anhöhe oberhalb von Sant’ Ambrogio (ca. 15 Autominuten von der Autobahn Ausfahrt Affi entfernt). Geneveva, die gute Seele des Hauses begrüßt uns stürmisch – scheinbar haben wir letzten Herbst einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Nur kurz das Gepäck aufs Zimmer bringen und um 19.00 Uhr nehmen wir an unserem Tisch im großen Patio Platz. Der Abend ist mild, über dem Dach jagen Schwalben laut schwatzend vorbei, wir machen die Beine lang und genießen unseren „Valpolicella“. Geneveva rückt mit Block und Koch an – wir sind ihre Ehrengäste heute Abend. Er hätte Tagliata – ganz tolles Fleisch mit frischem Gemüse dazu, vorher Käsevariationen aus der eigenen Molkerei. Wir nicken ab.

22.00 Uhr: Die Tagliata geht Tiefseetauchen im „Ripasso“.

Samstag

Rivoli Fort Wolgemuth - auch für´s Auge gibt es hier tolle Schmankerl
Rivoli Fort Wolgemuth – auch für´s Auge gibt es hier tolle Schmankerl

8.30 Uhr: Wir sitzen hungrig am Frühstückstisch (Tauchgänge durch norditalienische Rotweingläser sind beachtliche Energiefresser …) und löffeln eifrig unseren frischen Joghurt, der selbstverständlich in Bioqualität aus der eigenen Molkerei stammt. Das Wetter ist traumhaft – keine Wolke am Himmel – und die Schwalben pfeiffen auch schon wieder über uns. An unserem ersten Tag wollen wir nach La Chiusa in den Sektor „Sipario delle ombre“ – für mich eines der schönsten Klettergebiete in dieser Region. Ausgangsort ist Rivoli, eine kleine verschlafene Gemeinde, ca. 20 Autominuten von Ca’ Verde entfernt.

In Rivoli geht es für einen kurzen Zwischenstopp zum Alimentari neben der Kirche, schnell noch für den Abend was zu Futtern einkaufen. Jenseits der Eingangstüre ist nichts mit „schnell“ und wir lassen die Entdeckung der Langsamkeit auf uns wirken. Hier wird noch jedes Gramm Prosciutto Crudo persönlich aufgeschnitten und ein temperamentvoller Plausch mit der Stammkundschaft gehalten. Die Dorfkids stehen aufgereiht an der Theke und schielen auf die vielen lecker gefüllten Bonbonieren. Als wir dann endlich an der Reihe sind, wird auch uns die gleiche Herzlichkeit und Intensität zuteil. Dicke italienische Würste und Brot sind unsere fette Beute.

Ein paar Minuten später parken wir an der Mamaorsa-Bar (heißt im Kletterführer noch „Il bosco degli elfi“), unserem Ausgangspunkt zum Klettergebiet des Tages.

Über ein Plateau geht es zur Wandkante und von dort über zwei Stufen absteigend zu einem Band von dem aus die Routen abgehen. Tief unter uns gurgelt das Wasser der Etsch, auf der im Sommer Kanus und Schlauchboote treiben und wenn wir nach Norden blicken, reihen sich unzählige sanfte Hügel hintereinander, die beinahe alle mit Weinstöcken zugepflastert sind.

Sipario delle Ombre im Überblick. Diese Route hat alles wonach man sucht.
Sipario delle Ombre im Überblick. Dort findet man alles wonach man sucht.

Im Gegensatz zur Landschaft kommt unsere Kletterei ganz und gar nicht schmeichelnd daher. Sie verlangt vor allem eines: Fingerkraft! Leisten-Fetischisten kommen hier bei einigen 7bs- und 7cs-Passagen definitiv auf ihre Kosten. Zur Tour „Il Signore del Muro (7c/20 m) heißt im Kletterführer so schön und treffend: „Harter Platteneinstieg, wenn du das kletterst, bist du echt gut!“ Viel Glück! Wir haben uns jedenfalls die Zähne an dem biestigen Teil ausgebissen – bzw die Finger ausgerissen.

Hier sollte jeder seinen Grillplatz finden. Männerparadies
Hier sollte jeder seinen Grillplatz finden. Männerparadies

Drum liegen wir später zufrieden mit langgezogenen Fingern auf der großen Wiese hinter der Mamaorsa-Bar, lauschen der Musik und schauen in den blauen Himmel – das Leben ist schön. Später packen wir unsere Alimentari-Schätze aus und schüren an einem der öffentlichen Grillstationen ein Feuer. Was anfangs ein wenig spießig erschien (Kühltasche, Pappteller, Besteck und sonstiger Kram) ist jetzt echt Bombe: Barbecue auf dem Plateau unter freiem Himmel mit einem kalten Birra Bionda von der Bar.

21.00 Uhr: Geneveva lädt im Ca’ Verde noch auf einen Grappa ein.

Sonntag

8.00 Uhr: Müssen wir heute wirklich schon wieder nach Hause? Ja, aber vor der Heimreise liegen ja noch viele Stunden, und die Entscheidung, an welchen Felsen wir heute klettern wollen, ist auch noch nicht komplett ausdiskutiert. Gleich hier zu Fuß in 20 Minuten ins Klettergebiet La Grola, zum Plattenschubbern nach Sengio Rosso, nach Stallavena bei Verona (sind ja nur 12 Kilometer) oder doch mal wieder nach Ceredo?

Ceredo: Supernino 7a+ (8+ UIAA)
Ceredo: Supernino 7a+ (8+ UIAA)

Ceredo: Supernino 7a+ (8+ UIAA)

Das Gebiet mit dem „Wow-Faktor“ gewinnt. Wir fahren also nach Ceredo! Unser Weg führt uns ein Stück nach Norden über die Landstraße bis Peri und weiter über viele Serpentinen hinauf nach Fosse. Hier oben am Pass wartet auf die vielen tapferen Rennradler eine Bar mit kühlen Getränken. Wir haben uns noch kein Getränk verdient und zweigen ab – Richtung Ceredo.

Der mächtige Felsriegel liegt gut versteckt im Wald und lockt mit großen Griffen und mächtigen Sintersäulen. Ein gutes Kontrastprogramm zu den Leisten am Vortag. Mal sehen was unsere Ausdauer so hergibt – viel Leichtes gibt es hier nicht, denn die meisten der gut 180 Routen pendeln sich bei 6b bis 7b ein – dazu gerne überhängend, aber auch im Wechsel mit interessanter Wandkletterei. Wir sind im Paradies – auch weil außer uns nur ein paar Kletterer aus Verona am Fels eintrudeln. In Arco muss man da schon Wartenummern ziehen um in die Wand steigen zu dürfen.

15.30 Uhr: Jetzt haben wir uns aber ein Getränk verdient! Mit unseren dreckigen Kletterhosen sitzen wir exotisch anmutend zwischen vielen italienischen Rennradlern und Mountainbikern. Ein fantastisches Wochenende findet hier sein Ende. Unser Resümee: Wenig Kletterer, feiner Fels – wir werden sicher wieder Arco fremdgehen.

 

Übernachten

  • Agriturismo Ca‘ Verde in Sant‘ Ambrogio di Valpolicella: einfache, saubere Zimmer, sehr gute Küche, mit vielen Produkten aus der eigenen Herstellung. Info: www.agriturismocaverde.com
  • Alternativ: Agriturismo Revena in Brentino-Belluno: ansprechende, neue Zimmer, sehr sauber. Direkt in den Weinbergen, mit Mini-Pool. Kleiner Campingbereich angeschlossen. www.revena.it

Kletterführer

  • Sipario delle Ombre (La Chiusa): Monte Baldo Rock aus dem Verlag Versante Sud erhältlich im klettern-shop.de
  • Ceredo: Den Kletterfu?hrer „Ceredo“ gibt es in Ceredo in der Pizzeria sowie in Arco in Zeitungsläden und Sportgeschäften.
  • La Grola: Im Kletterführer „Lumignano“ von Jürgen Kremer sind angrenzende Gebiete darunter auch La Grola integriert. Der Führer ist online bestellbar unter www.kletterphoto.de

This & that

  • Die Gebiete La Grola und La Chiusa (Sipario delle ombre sind von San Ambrogio (Ca’ Verde) gut erreichbar.
  • La Grola ist das Hausgebiet des Agritourismo’ (15 Minuten zu Fuß ab Frühstückstisch).
  • Das große Gebiet La Chiusa zum dem Sipario delle ombre gehört liegt ca. 20 Autominuten von Ca’ Verde entfernt.
  • Nach Ceredo ist man ab San’ Ambrogio ca. 45 Minuten mit dem Auto unterwegs.
  • Wer Lagofeeling und Lifestyle wünscht: Von Affi sind es nur 15 Kilometer nach Bardolino am Gardasee!
  • Ebenfalls ganz in der Nähe und einen Besuch wert: Die Provinzhauptstadt Verona mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten und hübschen Plätzen.
Tags : 24-StundenArcoItalienKlettern

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