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Chile – Auf der Suche nach dem Winter

Was bringt einen Freerider wie Jeremy Jones, der sonst nur die steilsten Hänge dieser Erde mit seinem Snowboard befährt, dazu, ausgerechnet nach Chile zu reisen, um dort seine neuesten Board-Prototypen zu testen?

Worte von Nick Russell, Fotos von Andrew Miller

Jeremy Jones und Forrest Shearer haben sich zu Beginn des vergangenen Sommers auf den Weg nach Südamerika gemacht, um in Chile die neuen Boards aus Jones‘ Kollektion unter realen Bedingungen testen und feintunen zu können. Konstruktion und Performance sind zwei Aspekte, die man besonders beim Brettbau nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Insbesondere dann, wenn die Boards den Ansprüchen eines Freeride-Experten wie Jeremy gerecht werden müssen. Es stand jedoch noch ein zweiter wichtiger Punkt auf der To-do-Liste dieses Trips: Jeremys Part für den neuen Film seines Boot-Sponsors war noch nicht fertig und die Deadline rückte immer näher heran. Viel zu tun für eine solche Reise, besonders da die Wetterbedingungen, je weiter man sich in den Süden begibt, immer unberechenbarer werden. Doch Chile hat auch dieses Mal nicht enttäuscht.

Die Ortswahl fiel auf Nevados de Chillan im Herzen der Anden; Chris Christensen und Jeremy diskturieren über neue Techniken und Formen, während Forrest Shearer den Wind nutzt, um einen noch größere Schneewolke aufzuwirbeln

Optimismus und Offenheit sind zwei wertvolle Aspekte beim Reisen. Hast du dir diese beiden Grundeigenschaften zu Eigen gemacht, ist jede Reise schon ab dem Zeitpunkt deines Ticketkaufs ein Erfolg. Jeremy hatte eine Handvoll neuer Bretter frisch aus der Presse im Gepäck, die es nun unter realen Bedingungen zu testen galt. Er feilt ständig an seinen Boards und verbessert und erweitert die Technologie, die darin verbaut ist. So wie ein Samurai eins mit seinem Schwert sein will, sollte auch jeder Snowboarder mit seinem Brett vertraut sein. Neben dem Board-Test gab es jedoch noch eine andere Aufgabe auf der Liste dieses Trips: Jeremys Part für den neuen Thirtytwo-Film. Wenn es jedoch jemanden gibt, der nur wenige Wochen vor der Deadline noch einen kompletten Part in den Kasten bekommt, dann unser Big Mountain-Guru.

Für mich besitzt jenes Freeriden, bei dem man aus eigener Kraft die Berge hinaufsteigt, den größten Reiz. Auf die eigene Kraft zu vertrauen, Gipfel zu besteigen, die vorher noch kein anderer erklommen hat, ist eine ungemein erfüllende Erfahrung. Jeremy und Forrest haben diesen Ansatz des Snowboardens im letzten Jahrzehnt ständig vorangetrieben, sind vorausgegangen und damit zu einem großen Anteil für den Erfolg des Splitboardens mitverantwortlich. Es war eine Ehre, die beiden auf ihrer Sommer-Expedition und auf der Suche nach neuen Lines zu begleiten.

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Jeremy scheint mit seinen Prototypen augenscheinlich zufrieden zu sein

Dank der POV-Perspektive können wir diesen Run von Jeremy auf den tief verschneiten Hängen in Chile hautnah miterlebn.

Ebenfalls mit von der Partie war der renommierte Surfboard-Shaper Chris Christensen. Pointbreaks und Powder an ein und demselben Ort haben ihn nun schon viele Jahre an diesen Ort gefesselt. Die Verbindung zum Surfen und Snowboarden macht die südliche Hemisphäre zu einem echten Traum-Reiseziel. Chris war bereits zwei Wochen vor uns angekommen und hatte die Zeit vorwiegend im Wasser verbracht. In unserer Crew befanden sich außerdem Andrew Miller, der für den fotografischen Teil des Trips verantwortlich war und Nick „Ninja“ Kaliz, der Mann hinter der Filmkamera. Beides absolute Profis und die besten Travel-Buddys die man sich wünschen kann.

Die Anden sind für ihr launisches Wetter bekannt. Je weiter man sich gen Süden bewegt, desto näher kommt man dem Herz Patagoniens und dessen extremen Witterungsbedingungen. Gute sechs Stunden südlich von Santiago liegt Nevados de Chillan, ein Resort der Oberklasse und unsere Homebase für diesen Trip. Die schwierigen Schneeverhältnisse im Nordwesten der USA noch im Kopf, erreichten wir kurz nach Mitternacht in einem Platzregen unser Ziel. Der Forecast warnte vor einem großen Sturm und wir hofften, dass der Regen sich schnell in Schneefall verwandeln würde. Zu unserem Entsetzen bot uns jedoch beim Frühstück der Blick aus dem Fenster auf den Parkplatz kein weihnachtliches Weiß, sondern trüb-braunen Matsch. „Wenn du genau hinschaust, sieht es so aus, als ob es schneit“, meinte Jones. Die Interpretation des Tahoe-Locals erwies sich als richtig, die Verwandlung hatte begonnen und unsere Motivation stieg weiter an.

Aus Sicht der Fotografen und Filmer waren es dann aber zwei schwierige und zermürbende erste Wochen. Es wurde schnell klar, dass uns harte Arbeit bevorstand, um die Shots zu bekommen, die wir haben wollten. Andrew und Ninja mussten sich gut überlegen, zu welchem Zeitpunkt sie ihre Kameras auspackten und dem Wind und Regen auslieferten. Heftige Sturmböen sorgten ständig dafür, dass die Lifte aus Sicherheitsgründen stillstehen mussten. In der Nacht klang es, als ob die Läden von meinem Fenster abgerissen werden würden. Aber nachdem wir beinahe 10.000 Kilometer gereist waren, um endlich den Winter zu finden, ließen wir uns nicht entmutigen. Wenn dir Chile Zitronen in die Hand drückt, machst du Pisco Sour draus.

Je kälter der Wind, desto heißer sollte der Tee sein. Nick Russell genießt den südamerikanischen Powder und Jeremy cruist auf dem Skateboard die Küste entlang.

Solange das Wetter zu unbeständig war, um die Sessellifte zu öffnen, hatten wir unser privates Resort zur Verfügung, das wir nur zu Fuß erreichen konnten. Nevados de Chillan ist eines der wenigen Gebiete in Südamerika, das echte Treeruns besitzt. Die Bäume boten uns ein wenig mehr Sicherheit und Schutz in den heftigen Whiteouts der chilenischen Schneestürme. Das kollektive Wissen und die Fähigkeiten der einzelnen Crew-Mitglieder machte jede Session zu einer taktisch bis ins Detail ausgeklügelten Mission. Wir ließen uns auf die Elemente ein und von ihnen leiten und konnten so unsere Shots sammeln. Immer genau so, wie die Natur es uns erlaubte.

Unsere Art zu snowboarden ist stark vom Surfen inspiriert. Vom Suchen nach Windlips und Rollern am Berg bis hin zu Chris Board-Shapes war es nur folgerichtig, dass wir uns einige Tage Zeit nahmen, die chilenische Küste zu erkunden. Die Schönheit der Landschaft dort ist schlicht überwältigend. Die Abwesenheit von greifbarem Kommerz mit seinen unabdingbaren Neonlichtern hat diesen Teil der Erde unbeschmutzt gelassen. Es ist wahrlich ein Land vor unserer Zeit.

Forrests und Jeremys Surf-Wurzeln kamen deutlich zum Vorschein, als sie in die kraftvolle Strömung des Pazifiks hinauspaddelten. Zusammen mit Coco – Local und Legende in einer Person – teilten sich die beiden Rechtsfüßler die Linken und fuhren die schwer zu catchenden Tubes. Das Lineup an diesem Spot besteht aus einer Gruppe Surfer, die ihre kleine Zahl durch umso größere Leidenschaft für ihren Homebreak wettmachen. Uns Gringos mit den Kameras erspähten sie natürlich sofort und schnell hatten wir unsere gemeinsame Basis gefunden – die Leidenschaft, seitwärts zu stehen. Später brachte uns Coco in seinem Farmhaus unweit des Strandes unter. Die Familie besitzt einen hohen Stellenwert in diesem Land und so lebten auch in Cocos Haus mehrere Generationen unter einem Dach. Seine Mutter und Schwägerin versorgten uns mit einem der besten Essen, das wir in unserem Leben zu uns genommen hatten. Und bevor wir uns zurück in die Berge verabschiedeten, feierten wir gemeinsam mit den Locals, machten ein großes BBQ mit einigen Bier und Jam-Sessions bis in den frühen Morgen. Mit frisch aufgeladenen Batterien trennten wir uns von Coco und seiner Familie und kehrten in die Berge zurück.

Beachlife à la Chile, und während Forrest Shearer noch nach seiner Welle sucht, drückt Jeremy schon diesen kraftvollen Bottom Turn in den Pazifischen Ozean.

Aus fahrerischer Sicht war diese Reise ein großer Erfolg. Nach dem schwierigen Start, hatten wir nun jeden Tag die Möglichkeit, direkt vom Resort Powder-Lines zu fahren und aus jedem Run wirklich das Beste herauszuholen. Die neuen Boards wurden auf Herz und Nieren geprüft und jede Nacht boten die heißen Thermalquellen die nötige Linderung für unsere schmerzenden Muskeln. Doch auch wenn wir bereits einige malerische Augenblicke genießen durften, hofften wir bis zum Schluss darauf, dass das Wetter aufklaren würde und wir tiefer in die Berge vordringen konnten.

Unsere Geduld wurde belohnt und kurz bevor sich Jeremy, Forrest und der Rest der Crew auf den Rückweg machen mussten, zeigte der Forecast ein Wetterfenster an, das uns erlauben würde, unsere Pläne doch noch in die Tat umsetzen zu können. Der Rückflug wurde kurzerhand verschoben, wir packten unsere Camping-Ausrüstung zusammen und machten uns im Morgengrauen auf den Weg. Frischer, unberührter Schnee, niedrige Temperaturen und kein Wind. Genau darauf hatten wir die ganze Zeit gewartet. Es ist schwer, diese letzten Tage in Worte zu fassen. Bei perfekten Bedingungen fuhren wir Spine um Spine, um am Ende eines jeden Runs unsere Spuren zu betrachten und zu lachen. Viva Chile!

Tags : Snowboardtravel

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