close

Freeski Road Trip von Vancouver nach Haines

Tag 16

Obwohl wir seit Wochen darauf gewartet haben, sind wir überrascht, als die Straße Richtung Küste dreht. Tausende Meilen nach Norden liegen hinter uns. Plötzlich tauchen gewaltige Wälle aus schwarzem Fels aus den Wolken auf. Die Berge umzin­geln unseren Konvoi, in dem wir mit unseren schweren Augenlidern und müden Köpfen sitzen. Ohne ihr schützendes weißes Kleid scheinen die Berge unter den Attacken des wilden Winds zu zittern. Hier herrscht blanke Isolation – jedes Tal wirkt noch prähistorischer als das vorherige. „Der perfekte Ort, dass einem der Sprit ausgeht“, denke ich noch. Kurz darauf deutet Jérémie aufgeregt auf die Tankanzeige. Das rote Warnlicht signalisiert unseren bevorstehenden Tod. Bis zur Grenze sind es noch 100 Kilome­ter, doch unser Benzin reicht nur noch für die Hälfte. Gut, dass wir vor kurzem dieses Schild missachtet haben, auf dem „Letzte Tankstelle für 200 km“ stand – sonst hätten wir ja die ganze Aufregung versäumt! Der Wind heult weiter. Nirgends ein Zeichen von Zivilisation. Wir nutzen die geöffneten Autotüren als Segel – drei merkwürdige, übermütige Teufel, die mit dem Wind heulen und den Wagen in Richtung Meer treiben.

Eine einsame Straße immer weiter in Richtung Norden
Eine einsame Straße immer weiter in Richtung Norden

Die Tanknadel steht auf null, als wir langsam in das Tal einrollen. Salzgeruch hängt in der Luft. Unsere Wallfahrt ist zu Ende. Wir haben Haines erreicht: 59 Grad Nord, 135 Grad West.

Die Audis haben 5.000 Kilometer  mehr auf dem Tacho stehen – dank unserer Umwege, Nebenmissionen und weil wir uns dauernd verfahren haben. Inzwischen haben wir uns auch nichts mehr zu sagen, alles scheint ausdiskutiert zu sein. Mir ist ein Vollbart gewachsen, seit wir Vancouver vor einer gefühlten Ewigkeit verlassen haben. Wir sind weit ge­­kommen. Aber eigentlich scheint jetzt alles erst anzufangen. Die große Frage lautet: Ist Alaska wirklich so gewaltig und „badass“, wie es in all den Yankee-Filmen wirkt? Amerikaner übertreiben gern, oder?
Am nächsten Morgen geht es schon los, denn ungewöhnlicherweise haben wir bestes Wetter. Wochenlanges Autofahren und jahrelanges Warten reduzieren sich auf diesen einen Moment.

Wille Lindberg
Wille Lindberg mit einem feinen Backflip

Mir fällt sofort auf, wie dreidimensional die Lines in AK sind. Man denkt sich, es wäre möglich, easy von einer Spine zur nächsten zu wechseln. Aber live klafft plötzlich ein zwei Me­ter tiefer Graben unter den Latten. Die nächste Spine ist eine senkrechte Wand, die dich anstarrt, als würde sie hoffen, dass du deine Ski in sie hineinbohrst und stürzt. Und wir stürzen – mehrmals. Dennoch überleben wir den ersten Tag, gewöhnen uns an das Sluff-Management und die blinde Fahrt in die Steilwände.

Vor dem zweiten Run am zweiten Flugtag sage ich dem Piloten, dass er mich bei einer Line absetzen soll, die ich anfangs noch zu groß und exponiert fand. Aber jetzt bin ich bereit. Ich bin allein. Als ich reindroppe, weiß ich: Es gibt nur einen richtigen Weg aus dieser Line – aber viele, viele falsche. Als ich wieder zu Atem komme, höre ich Marks Stimme im Funkgerät. Die beste Line meines Lebens liegt hinter mir und der Sluff rollt immer noch über die Felsen: „Smoothy, du Hurensohn! Ich dachte, das war dein erstes Mal!“ Das war meine erste richtig fette Line in AK – doch, doch –, aber nicht die letzte, bei Weitem nicht!

Tags : audiFreeride World TourhainesRoad Tripvancouver

Pin It on Pinterest